Donnerstag, 12. März 2009

Erasmusstudenten...

...sind eh immer nur gsoffen.
Ein guter Grund sie als nicht-Erasmusstudent zu meiden. Zumindest hat mir das so ein Grazer Kollege beim Kaffee erklärt, als wir darüber diskutiert haben, wie die Italiener zu uns sind und wie wir eigentlich daheim zu den Erasmusstudenten sind, und ob wir sie nach der VO auf ein Getränk einladen würden. Einfach so. Nein. Eben. So einfach funktioniert das nicht mit den einheimischen Bekanntschaften. Vor allem, wenn man sich nur in erasmus'schen Gruppen bewegt. Zumindest abends. Aber einigen gefällt das so. Erasmusparties gibt's jeden Abend (jeden. nicht jeden Samstagabend, nein, jeden) drei, vier verschiedene, auf die man gehen könnte um... neue Erasmusstudenten kennenzulernen, unverschämt billig zu trinken und am nächsten Tag entweder besoffen oder gar nicht im Hörsaal zu sitzen. Und... nennt mich "alt", "prüde" oder "fad", aber ich bevorzuge da doch den Hörsaal und das, was ich da hören kann, im Sinne der Erfahrung mit der fremden Kultur und Sprache. 80% der Erasmusstudenten verstehen unter "Erfahrung" nämlich Erfahrung mit ihrem eigenen Alkoholkonsum und ... anderen Erasmusstudenten. Und ich muss gestehen, ich mach wiedermal alles anders als der "Prototyp". (Soviel also zu den "typischen Erasmusstudenten", zu "Stimmt es, dass man ein Semester bezahlte Party machen kann" und was-weiß-ich-für (wahren) Stereotypen - hier kommt die Überleitung zu meiner individuellen Erasmus-Erfahrung...) 
Mich machen die Arkadengänge, Cafès und Geschäftchen Bolognas richtig romantisch, in einem fast "filmreifen" Sinn... Ich spaziere stundenlang alleine durch unbekannte Gässchen, schreibe Postkarten beim Cappuccino und kaufe mir selbst Blumen am Markt. Ich höre der Professorin liebend gerne zu, wenn sie von d'Annunzio und Svevo schwärmt und über Dante, Manzoni und Verga zur italienischen Literatur der letzten Jahrzehnte überleitet. Vor lauter staunendem Lauschen schreibe ich allerdings kaum mit, was mich wiederum nach fast jeder der besagten Vorlesungen in die große Buchhandlung Feltrinelli, gleich unter den schiefen Türmen (von Bologna - haha, wir haben 2), führt und mich in etwa das Geld, das jene "typischen" Erasmusstudenten für Alkohol und Discoeintritte ausgeben, für Primär- und Sekundärliteratur zu den mir schon Bekannten und noch Unbekannten der italienischen Literaturgeschichte ausgeben lässt. Einsame Romantik verbraucht genauso viel Geld wie wilde Party. Aber die Sache ist die; ich hab das Gefühl, ich kann momentan eh nichts anderes machen! Ich muss durch die Gässchen spazieren, Postkarten schreiben und Bücher und Blumen kaufen, weil ich sonst meine Zeit damit verschwenden würde, das NICHT zu tun. 
Wenn ich genug habe von "einsamer Romantik" und mir meine eigenen Gedanken und die italienische Literaturgeschichte auf die Nerven gehen, geh ich ins Fitnessstudio (also fast jeden Tag =) )! Auch etwas, das prinzipiell viel zu viel kostet, aber mir doch das Gefühl gibt, es wäre meine einzige Möglichkeit meine Zeit gescheit zu nützen. Und übrigens; so allein bin ich in meinem intellektuellen Flanieren und Genießen gar nicht - Ich hab mir instinktiv gleich in den ersten Tagen hier die richtigen Leute gesucht... Französinnen, die drei Stunden in einem Museum verbringen können, Engländerinnen, die vier Stunden am Tag Briefe an Verwandte und Freunde schreiben, Kolumbianer, die drei mal die Woche in klassische Konzerte und Opern gehen. Ich bin also unter Gleichgesinnten! Studenten, denen Italien eine Art Muse ist. Für mich, die Muse, die mir das Genießen und "Chillen" endlich lernen und dem Stress eine Absage erteilen will. Und ich meine ja nicht, dass wir nicht auch gut essen gehen, Wein und Amaretto trinken und uns die Discos außerhalb der Stadtmauern anschauen - tun wir, tun wir =) Ich seh's nur nicht als meine "Erasmus-Mission", das wollte ich sagen. Und ich wollte sagen, dass ich sehr überrascht bin, von der gemütlichen, altmodischen und (ich wiederhole mich) romantischen Atmosphäre, die mich umgibt. Mir geht's so richtig gut. Ich entspanne und gleichzeitig staune ich jeden Tag und lerne Neues kennen. Ich genieße. I chill' so dahin... =)

3 Kommentare:

  1. Mein Gott bin ich stolz auf meine Tochter ...:-) und neidisch auch ein bisserl...;-)

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  2. Sehr schöner Beitrag, bisher der beste!
    lg aus Graz und bis bald,
    bussi

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  3. Habe mich erst heute so richtig "Bologna eingelesen" und Lust auf eine Italien-Reise bekommen. Na ja, wird sicher wieder einmal werden. Jedenfalls beneide ich dich fast um deine schönen Erlebnisse, Erfahrungen und internationalen Begegnungen!!!
    Vielen Dank für die schöne Ansichtskarte, wir haben uns sehr gefreut. Wenn wir eine Adresse von dir hätten, könnten wir dir eine Ansichtskarte von Dobl schicken - zur Erinnerung an deine frühe Heimat. Nein, Spass beiseite, uns Doblern geht es gut, Gregor war gerade eine Woche in Obertauern auf Schiurlaub,Adam ist heute GAKmäßig unterwegs und ich bin momentan schon so richtig gierig auf Gartenarbeit.
    Liebe Grüße! Gertraud

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